29.10.2020 | Portr?ts und Geschichten

Tie­re auf dem Cam­pus

Warum sich Spatz und Co. am HoPla wohlfühlen

Bild: Stefan K?rner

Mit 300 Sachen über den Campus

Nicht nur Studierende und Besch?ftigte bewegen sich auf dem Campus HoPla – er ist auch Lebensraum für überraschend viele Wildtiere

Wilde Tiere auf dem Campus? Nein, am Holl?ndischen Platz leben keine W?lfe oder B?ren, wenn man mal von Waschb?ren absieht. Aber hier fühlen sich auch nicht nur Tauben und Enten wohl, die Menschen am Campus Holl?ndischer Platz sind nicht allein: Schon früh morgens sitzt etwa der Wanderfalke auf dem gro?en Schornstein. Ein Schwarm zwitschernder Stieglitze zieht vorbei und l?sst sich in den Silberweiden vor der Mensa nieder.

?Durch die Ahna und die Grünr?ume ist der Campus sehr belebt“, sagt Dr.-Ing. Thomas E. Hauck vom Fachgebiet Freiraumplanung. Er besch?ftigt sich wissenschaftlich damit, wie St?dte Lebensraum für Tiere bieten k?nnen. Da hat der Campus HoPla einiges aufzuweisen, denn Tiere finden hier reichlich Nahrung. In den B?umen und Grünfl?chen tummeln sich zahlreiche Insekten, von denen sich kleinere V?gel ern?hren, die wieder von Greifv?geln erbeutet werden.

Wer schreit hier so laut?

Einer dieser Greifv?gel ist der Wanderfalke. Sein Schrei ist gut zu h?ren, wenn er auf dem historischen Schornstein Ausschau h?lt. Er kommt zum Jagen auf den Campus. Dabei erreicht das Tier beim Flug eine Spitzengeschwindigkeit von über 300 km/h. Auch die kleineren V?gel sind nicht still. Die bunten Stieglitze flattern im Schwarm von Baum zu Baum und tr?llern dort ihre Lieder.

?An der Ahna habe ich, neben Stockenten, auch schon einen Eisvogel gesehen. Der brütet eigentlich weiter südlich an der Fulda. Sein schriller Pfiff ist eines seiner Markenzeichen“, erz?hlt Jan Piecha. Er hat Umweltplanung studiert und arbeitet am Fachgebiet Landschaftsentwicklung / Umwelt- und Planungsrecht. Zugleich ist er Naturfotograf und geht deshalb mit offenen Augen und griffbereiter Kamera über den Campus.

Auch Mehlschwalben und Mauersegler t?nen über den D?chern der Uni. ?Der Mauersegler ist eine typische Stadtart. Er nutzt bevorzugt Ritzen an Geb?uded?chern zum Brüten“, erkl?rt Piecha. Die Tiere finden an der Brache beim Studierendenhaus reichlich Insekten zu fressen. Au?erdem wohnen Hausrotschw?nze auf dem Campus Nord und Haussperlinge, allgemein als Spatzen bekannt, auf dem gesamten Campus. ?Auch Gebirgsstelzen und Bachstelzen habe ich schon an der Ahna beobachtet“, erz?hlt Piecha.

Auch die Kleinen sind wichtig

Ohne Insekten k?nnten viele V?gel gar nicht auf dem Campus leben. Hübsche Schmetterlinge wie das Tagpfauenauge, Kohlwei?linge oder der Distelfalter schweben an der Mensamulde entlang. Auf dem Campus Nord flattern au?erdem Bl?ulinge, der Kleine Fuchs oder der Admiral. Sogar ein Schwalbenschwanz wurde dort schon gesichtet. ?Sicherlich aufgrund der Wilden M?hre in den Fl?chen. Das ist die bevorzugte Futterpflanze der Raupen“, erkl?rt Piecha. ?ber die Ahna ziehen schillernde Geb?nderte Prachtlibellen hinweg und lassen sich am Ufer nieder. Sie m?gen sonnenbeschienene Gew?sserabschnitte.

Wo die Georg-Forster-Stra?e die Ahna überquert, stehen manchmal Fische wie Rotfedern oder Bachforellen. ?Die Forelle ist in Süddeutschland ein allt?glicher Fisch, aber bei uns im Norden schon etwas Besonderes“, sagt Piecha.

Vegetation ist Basis für das Getümmel

?V?gel wie Haussperlinge oder Mauersegler brauchen vor allem Nahrung“, sagt Hauck. Zusammen mit dem Biologen Prof. Dr. Wolfgang Weisser von der TU München hat er die Planungsmethode ?Animal-Aided Design“ entwickelt. Grundgedanke dabei ist: Auch in St?dten finden Tiere Lebensraum, wenn die Architektur ein wenig hilft. In der Fassadenbegrünung an den Backsteinw?nden der Geb?ude am HoPla zum Beispiel fühlen sich V?gel sehr wohl. Am Café Desasta brüten Amseln und Ringeltauben. Wenn im Herbst die Bl?tter gefallen sind, sieht man dort die Vogelnester entlang der Klinkerfassaden.

?In Wiesen, Str?uchern und B?umen gibt es viele Insekten. Für Haussperlinge ist das zum Beispiel sehr wichtig: Sie fliegen nicht weiter als 50 Meter für die Nahrungssuche, wenn sie Junge aufziehen“, erkl?rt Hauck. Haussperlinge ben?tigen Schutzgeh?lze, wie dichte Hecken oder Gebüsch, in denen sie sich vor Fressfeinden verstecken k?nnen. ?Allgemein brauchen viele Tiere blütenreiche Best?nde und einen gut gemischten Baumbestand wie Eiche oder Weide, den wir auf dem alten Campusteil haben.“ Die B?ume, die auf dem Campus stehen oder in Zukunft angepflanzt werden, müssten Klimawandel-f?hig sein. ?Da muss man immer einen Kompromiss finden – eine Baumart zu w?hlen, die das erfüllt und gleichzeitig für Tiere interessant ist“, sagt Hauck.

Prof. Dr.-Ing. Stefan K?rner sorgt unter anderem in Absprache mit der Bauabteilung für blühende Oasen auf dem Campus. Denkt er bei der Pflanzenwahl auch an die Tiere? ?Erstens: pflegeleicht. Zweitens: sch?n anzusehen. Drittens: Tiere anlocken“, z?hlt er seine Kriterien auf. Er leitet das Fachgebiet Landschaftsbau, -management und Vegetationsentwicklung und kümmert sich unter anderem um die Bepflanzung der Fl?chen vor der Bibliothek oder dem Campuseingang am Holl?ndischen Platz.

Als er vor ca. 15 Jahren mit Pflanzenverwendung anfing, die damals sehr stark ?sthetisch ausgerichtet war, waren Pr?rieg?rten noch stark in Mode. ?Ich habe dann festgestellt, dass sich die Pflanzen immer mehr mit einheimischen Arten vermischen“, erz?hlt er. ?Wir haben auf dem Campus zum Beispiel mittlerweile Margerite, Oregano oder Flockenblume – Pflanzen, die in der Natur inzwischen selten sind.“ Schon lange, bevor das Insektensterben diskutiert wurde, habe er sich gefragt: Wie kann die Stadt Nahrungsquellen bieten?

Der Campus ist wie ein Gebirge

?Eigentlich sind St?dte und Campus wie natürliche Gebirge: Es gibt Schotter, Ger?ll und W?nde“, sagt K?rner. Hier ist auch die Heimat vieler thermophiler Arten, die sich besonders für das Leben in der warmen Stadt eignen. ?Insofern versuche ich zum Beispiel den thermophilen Saum mit Wildrosen oder Zimtrosen zu kombinieren“, erkl?rt K?rner. Hinter seiner Arbeit steckt viel Aufwand: Er probiert immer wieder neue Arten aus, sammelt unter anderem Samen von Pflanzen aus der Kasseler Nachbarlandschaft und l?sst sie auf dem Campus wachsen.

Eine Herausforderung sei die lange Fl?che entlang der Bibliothek gewesen, die neu gestaltet werden musste. ?Zwischen der Bibliothek und dem Technikgeb?ude war mal eine Bodendeckerpflanzung mit Rosen. Die war so verkrautet, dass die G?rtnerinnen auch wegen der Stacheln Schwierigkeiten beim J?ten hatten. Die Stauden, die wir dort jetzt stehen haben, sind pflegeleichter, ein Hingucker und gleichzeitig Nahrungsquelle für Tiere“, sagt K?rner. Die Stauden unterscheiden sich auch von den sogenannten Blumenwiesen, die in den vergangenen Jahren vermehrt in den St?dten angelegt wurden. Stauden sind mehrj?hrig, jene Blumen nur einj?hrig. Daher verschwinden sie wieder, wenn sie nicht immer wieder neu angelegt werden. ?Und eigentlich bestehen echte Wiesen auch nur aus Stauden, das hei?t, Gr?sern und Kr?utern“, sagt K?rner. In Beeten bleiben Stauden l?nger an ihrem Standort und bieten den Tieren über einen langen Zeitraum Nahrung.

Auch die Fl?chen zwischen den Beeten werden von den Tieren genutzt: Auf dem Kopfsteinpflaster am Campus bilden sich hin und wieder Pfützen, in denen V?gel gerne baden oder einen leichten Zugang zu Wasser haben. Zwischen den Ritzen im Pflaster wachsen Pflanzen, die für V?gel Samen bereithalten und auch Insekten als Lebensraum und Nahrungsquelle dienen.

Der Campus bildet damit einen wichtigen Lebensraum für die Stadttiere. ?Im Verh?ltnis zu den Landschaften sind St?dte und unser Campus Rückzugsorte geworden. Den Stieglitz sehe ich zum Beispiel in den dichten Stadtquartieren nie, aber auf dem Campus h?ufiger“, sagt K?rner.

 

Text: Christine Gra?